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Die jüdische Gemeinde Laupheim und ihre Zerstörung

Gedenkbuch Seiten 507 - 511 

STERN, Ludwig, Viehhandel,

Bronner Straße 19

 

ELISABETH RÖHRICH

Rosalie Stern, geb. Stern (Großmutter), geb. 7. 1. 1851, gest. 7. 1. 1937, Witwe von David Stern
Ludwig Stern, geb. 13. 4. 1874, deportiert nach Theresienstadt am 19. 8.1942, gest. 21. 9. 1942 OO Ida, geb. Fuchs, geb. 8. 7. 1980, gest. 1935
Benno, geb. 5. 3. 1907, emigriert in die USA am 19. 3. 1940
[Bruder von Ludwig: Jakob, gen. Benno, geb. 4. 2. 1884, gest. 25. 3.1945 in Theresienstadt.] 

Das Foto zeigt eine Gesellschaft junger jüdischer Männer um 1900. Ludwig Stern ist laut Angabe im John-Bergmann-Nachlass zweiter von rechts (hintere Reihe)1). Der Vergleich mit seinem Gewerbeschein-Foto (S. 510) legt allerdings den Schluss nahe, dass Ludwig Stern als dritter von rechts in der zweiten Reihe steht. (Foto: Leo-Baeck-Institut, NY)
 

Die Familie Stern hat ihre Wurzeln in Michelbach an der Lücke im Hunsrück. Wolf Stern, der Großvater von Ludwig Stern, war von Beruf Kaufmann und Lehrer. Er verließ Michelbach und kam nach Laupheim, um Eva Kaufmann, Tochter des sechsten Rabbiners, im Jahre 1839 zu heiraten. Aus dieser Verbindung gingen zwischen November 1840 und Dezember 1855, also in ungefähr 14 Jahren, 14 Kinder hervor, vier von ihnen überlebten das erste Lebensjahr nicht. Ein weiterer Schicksalsschlag war der Tod des erst 20jährigen Sohnes Josef2), der im Sommer 1868 beim Baden in der Riss ertrank. In seiner poetisch klingenden Grabinschrift heißt es:

„Zwanzig Jahre war er alt, und am Tag 2, 2. Tammus 628, ging er schwimmen im Fluss Riss, und das Wasser kam bis zu seiner Seele und sie war nicht mehr, denn es nahm sie Gott. . . .3)
Der Vater von 14 Kindern wurde 90 Jahre alt, in der Grabinschrift wird er beschrieben als weiser und buchkundiger Mann [. . .] alt und satt an Tagen4), wohingegen seine Frau Eva nur das 53. Lebensjahr erreichte.

David, der älteste Sohn der Eheleute, war Handelsmann wie sein Vater und verheiratete sich1872 mit Rosalie Stern, die wie Vater Wolf ebenfalls aus Michelbach stammte. Die Namensgleichheit und derselbe Herkunftsort lassen möglicherweise auf eine verwandtschaftliche Verbindung schließen.

David und Rosalie wurden fünf Kinder geschenkt. Die Familie lebte in dem Haus in der Bronner Straße, das heute die Nummer 19 trägt. Ihr ältester Sohn Saul wanderte bereits 1889 nach Amerika aus. Der jüngste Sohn Jakob, genannt Benno, blieb ledig und war erwerbslos. Er verbrachte einen Teil seines Lebens in Hannover. Eine Tochter des Ehepaars, Eva Emma, heiratete in die Familie Heilbronner ein und blieb in Laupheim. Tochter Peppi lebte in der Schweiz.5)

Der zweitälteste Sohn Ludwig stieg in das väterliche Geschäft ein und betrieb eine Vieh- und Pferdehandlung. Er heiratete Ida Fuchs, die aus Buttenwiesen stammte und bewohnte weiterhin zusammen mit seiner Frau und dem einzigen Sohn Benno, der am 5. März 1907 geboren wurde, das elterliche Haus. Als Benno sechs Jahre alt war, starb sein Großvater, ein Jahr vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges.

Am 11. Juli 1917, während des Ersten Weltkriegs, kam für Ludwig der Einberufungsbefehl zum Dienst als Kanonier in das Artillerieregiment 65, das seinen Standort in Ludwigsburg hatte. Vermutlich aus Altersgründen6), denn er war zu diesem Zeitpunkt bereits 43 Jahre alt, wurde er am 28. September 1917 schon wieder entlassen.

Sohn Benno ging im Progymnasium in Laupheim zur Schule und bestand im März 1923 die „mittlere Reifeprüfung“. Mit Progymnasiummuss die Realschule mit Lateinabteilung gemeint sein, wie die Laupheimer Schule offiziell hieß.

(„Laupheimer Verkündiger“ vom 19. März 1923)


  

 („Laupheimer Verkündiger“, 10. Mai 19248)) („Laupheimer Verkündiger“, 27. Nov. 19259))

 

Ludwig Stern widmete sich nicht nur dem Viehhandel, sondern engagierte sich auch im Bauwesen der Stadt Laupheim. Aus dem Laupheimer Verkündiger“ vom 10. Mai 1924 geht hervor, dass Ludwig Stern Vorsitzender im Aufsichtsrat der Baugenossenschaft war, die im Hotel Post die jährliche Generalversammlung abhielt. Bereits am 5. Dezember 1925 wurde über die Auflösung der Baugenossenschaft gesprochen, was einer weiteren Anzeige zu entnehmen ist. Mit dem Jahr 1935 begann für Ludwig Stern eine schwere Zeit, denn Ehefrau Ida starb im Januar mit 55 Jahren. Zwei Jahre später verstarb auch seine 86jährige Mutter Rosalie10). Von da an bestand die Familie in der Bronner Straße 13 nur noch aus Vater Ludwig und seinem 28jährigen Sohn Benno, der noch ledig war.

Im Laupheimer Adressbuch von 1938 ist Bennos Beruf ebenfalls mit Handelsmann angegeben, also war auch er im Geschäft seines Vaters tätig11). Im März des Jahres 1938 ließ Ludwig Stern noch einmal seinen Gewerbeschein verlängern. Er war zu diesem Zeitpunkt 64 Jahre alt.

Wenige Monate später begann die systematische Verdrängung der jüdischen Geschäfte, was einer Vernichtung ihrer Existenz gleichkam. Anfang November spitzte sich die Lage für die jüdischen Gewerbetreibenden zu. In der Pogromnacht am 9. November 1938 wurde Benno aus seinem Haus geholt und zusammen mit 17 anderen jüdischen jungen Männern aus Laupheim nach Dachau verschleppt. Sie wurden dort in „Schutzhaft genommen13).

49 Jahre später, 1987, schrieb Benno Stern in einem Brief an Ernst Schäll seine Erinnerungen an die unmenschlichen Haftbedingungen in Dachau nieder. Der Brief schildert das Elend und die Not der Häftlinge sowie die Schikanen der SS, die bei ihm eine zeitlebens nie mehr ganz ausgeheilte Darmerkrankung zur Folge hatten. Einmal im Januar 1939 „mußten wir 48 Stunden stillstehen in dieser Kälte und wehe wenn die SS jemand sah, der sich bewegte. [. . .] Viele Leute starben während diesen zwei Tagen.“14)

  

 

Gewerbelegitimationskarte für Ludwig Stern, ausgestellt in Laupheim vom Landrat.12)

 

Wegen seines Leidens konnte Benno Stern keine längeren Reisen unternehmen und 1988 der Einladung nach Laupheim nicht folgen, was er sehr bedauerte. Als einer der letzten kehrte Benno Stern am 9. Januar 1939 aus Dachau zurück.

Gesicherten Quellen zufolge wurden die Männer nur dann aus der „Schutzhaft entlassen, wenn sie bestimmte Auflagen erfüllten. Sie durften nicht über die Haftbedingungen sprechen, mussten ihr Eigentum verkaufen und Deutschland verlassen15). Ungefähr ein Jahr später, am 19. März 1940, emigrierte Benno in die USA16). Ludwig Stern blieb als einziger der Familie in Laupheim zurück. Unweigerlich geriet der 66jährige Mann in die Fänge des NS-Regimes. Er musste sein Haus verlassen und wurde im Rabbinat am Judenberg 2, welches in ein jüdisches Altersheim umgewandelt worden war, zwangseinquartiert17). Auch sein jüngerer Bruder Jakob, der am 4. 7. 1942 von Hannover nach Laupheim „zugezogen war, wurde ins Rabbinat zwangsumgesiedelt. Allerdings verliert sich hier seine Spur, man weiß nur, dass er am 25. 3. 1945 gestorben ist.

Mit dem Transport am 19. August 1942 wurde Ludwig Stern nach Theresienstadt deportiert, wo er am 23. Februar 1943 starb.18)

Nach seinem Tod wurde der Sternsche Besitz, bestehend aus Haus, Scheune, Stall, verschiedenen Parzellen Land und einer Wiese im Taubenried, enteignet und durch das Reich eingezogen.

Nach dem Krieg stellte Benno Stern als Alleinerbe einen Antrag auf Rückgabe seines Vermögens. Dem Antrag wurde stattgegeben und so war Benno Stern, wohnhaft in Forest Hills, New York, als Eigentümer der oben erwähnten Gebäude und Grundstücke im Grundbuch eingetragen.

 

 

Im Oktober 1952 wurde der Besitz an Franz und Maria Kölle aus Mietingen weiterverkauft.

Bis zum heutigen Tag bewohnt Familie Kölle das Haus in der Bronner Straße,

welches heute die Nummer 19 trägt.19)   

Quellen:

 

1) John-Bergmann-Nachlass, Leo-Baeck-Institut, New York, 1984.

2) John-Bergmann-Nachlass. Microfilm No 1834, S.132, 315.

3) Hüttenmeister, N.: Der jüdische Friedhof Laupheim. Laupheim 1989. S. 240.

4) Hüttenmeister N. S. 367.

5) John-Bergmann-Nachlass. Microfilm No 1834 S.132, 315.

6) Erinnerungsblatt 1. Weltkrieg 1914–1918 für die israelitische Gemeinde, HdG, 2003/0084/09/01

7) Laupheimer Verkündiger, 19. März 1923.

8) Laupheimer Verkündiger, 10. Mai 1924.

9) Laupheimer Verkündiger, 27. November 1925.

10) John-Bergmann-Nachlass. Microfilm No 1834, S. 132, 315.

11) Adressbuch Stadt Laupheim, 1938.

12) Staatsarchiv Sigmaringen, 126/2, Finanzamt Biberach Nr. 1–19.

13) Hecht, C., Köhlerschmidt, A.: Die Deportation der Juden aus Laupheim. Laupheim 2004. S. 10, 23.

14) Hecht, C., Köhlerschmidt, A. S. 26.

15) Hecht, C., Köhlerschmidt, A. S. 23.

16) John-Bergmann-Nachlass. Microfilm N0 1834, S.132, 315.

17) Hecht, C., Köhlerschmidt, A. S. 91.

18) Hecht, C., Köhlerschmidt, A. S. 117.

19) Staatsarchiv Sigmaringen, 126/2 Finanzamt Biberach Nr. 1–19.


 

 

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