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Die jüdische Gemeinde Laupheim und ihre Zerstörung

  Gedenkbuch Seiten 473 - 491

STEINER, Adolf Wohlgemuth,

Schloss Groß-Laupheim

 

DR. ANTJE KÖHLERSCHMIDT / DR . DETLEV VON KALCKREUTH

Adolf Wohlgemut Steiner, geb. 30. 5. 1875 in Stuttgart, gest. 13. 9. 1957 in Laupheim, OO Ruth, geb. von Kalckreuth, geb. 22. 9. 1879 in Neiße, gest. 7. 9. 1955 in Laupheim.
Marie-Luise Steiner, geb. 16. 10. 1905 in Laupheim, gest. 24. 5.1980 in Heidelberg, OO Hubertus Graf Leutrum von Ertingen, geb.13. 12. 1897, gest. 13. 4. 1974,
Ulrich Steiner, geb. 21. 8. 1908 in Laupheim, gest. 25. 12. 1961 in München. 

 Schloss Groß-Laupheim – Ort der Geschichte von Christen und Juden in Laupheim.

 

Die Geschichte des Schlosses und die seiner Besitzer, zu denen die Familie Steiner gehörte, spiegelt signifikant die wechselvolle Geschichte von Christen und Juden in Laupheim bis in die heutige Zeit wider.

Da ein historischer Rückblick zur gesamten Schlossgeschichte an dieser Stelle zu weit führen würde, konzentrieren sich die folgenden Darlegungen auf die Zeit von Anfang des 18. Jahrhunderts bis in die Gegenwart. Zu jener Zeit hatte Freiherr Carl Damian von Welden die Herrschaft über die Schlösser Groß-Laupheim und Klein-Laupheim inne. Infolge von Erbvorgängen bereits vor und nach 1600 war die Existenzgrundlage der Freiherren von Welden reduziert, so dass ein standesgemäßes Leben und eine entsprechende Erziehung sowie Ausbildung der meist zahlreichen Nachkommenschaft sich sehr schwierig gestaltete. Um 1730 gestattete Freiherr Carl Damian von Welden mit Erlaubnis der österreichischen Herrschaft zunächst vier jüdischen Familien den Zuzug nach Laupheim, um zum Nutzen der vertragschließenden Seiten zu wirken und zugleich Handel und Gewerbe am Ort zu beleben. Der erste offizielle Schutzbrief vom 5. Oktober 1734 erlaubte zwanzig jüdischen Familien, sich in Laupheim niederzulassen. Er beinhaltete nicht nur diverse Verhaltensvorschriften für die zuziehenden jüdischen Familien, sondern auch die Entrichtung von Schutzgeldern sowie Sondersteuern. Andererseits sah der Vertrag besondere Rechte wie zum Beispiel die Zuerkennung einer eigenen niederen Gerichtsbarkeit für sie vor. Damit begann die über 200 Jahre währende Geschichte der Koexistenz von Christen und Juden in Laupheim. 1754 und 1784 wurde der Schutzbrief jeweils verlängert und auf weitere Familien ausgedehnt. In Folge dessen lebten die katholische Mehrheit und jüdische Minderheit in Laupheim auf engem Raum, doch getrennt voneinander im Rahmen der feudalen Ordnung.

Diese löste sich Anfang des 19. Jahrhunderts zunehmend auf, als 1806 die Reichsritter ihre landesherrlichen Rechte verloren. 1817 und 1836 wurden Gesetze zur Aufhebung der Leibeigenschaft im Königreich Württemberg und zur Ablösung der mit ihr verbundenen Fronen, Abgaben und Leistungen erlassen.

 

Carl Freiherr von Welden und Gemahlin Walburga, geb. Freiin von Hornstein.

(Quelle: Braun, Alt-Laupheimer Bilderbogen)

 

1828 trat das von der württembergischen Regierung erlassene Emanzipationsgesetz in Kraft, das den Schutzstatus der Juden aufhob und sie zu württembergischen Untertanen erklärte. Diese gesellschaftlichen Veränderungen führten zu einer Verschärfung der finanziellen Situation der adligen Besitzer der Schlösser Groß- und Klein-Laupheim, verbunden mit einer hohen Zahl gerichtlicher Streitigkeiten. Constantin Ludwig Freiherr von Welden (1771–1842) veräußerte die beiden Schlösser an den württembergischen Staat, und die freiherrliche Familie zog sich auf Schloss Hürbel zurück. Während Schloss Klein-Laupheim bis heute in Staatsbesitz geblieben ist, wurde Schloss Groß-Laupheim 1843 an den Brauereimeister Franz Josef Lauterwein aus Oberkirchberg und den Laupheimer jüdischen Bürger Viktor Steiner verkauft. 1853 war dieser schließlich alleiniger Besitzer des Schlosskomplexes. Dieser Besitzerwechsel spiegelt nicht nur die Ablösung der alten feudalen Herrschafts- und Rechtsstrukturen und den Aufschwung des Bürgertums, sondern auch die allmähliche Emanzipation der jüdischen Bevölkerungsgruppe in Württemberg wider: Die Schutzjuden von einst waren die Besitzer von Schloss Groß-Laupheim geworden.

In die folgenden Jahre des wirtschaftlichen Aufbruchs fiel 1869 die Erhebung Laupheims zur Stadt, an der die jüdische Gemeinde einen maßgeblichen Anteil hatte. So stellte sie mit 843 Personen nicht nur ein Fünftel der Gesamtbevölkerung, sondern trug auch deutlich zur Prosperität des Ortes bei. Die Laupheimer Synagogengemeinde war zu jener Zeit nach Stuttgart die größte in Württemberg.

 

 

 

Die Eltern: Victor Steiner (1790–1865) und Sophie geb. Reichenbach (1799–1866).

  

(Quelle: Adressbuch 1925)

 

Der in Laupheim gebürtige Viktor Steiner (1790–1865) hatte eine Lederwarenhandlung am Ort geführt. Nach dem Erwerb von Schloss Groß-Laupheim mit Gutsbesitz nutzte er das auf dem Schloss liegende Brauereirecht unter Verbesserung der technischen Anlagen. Im Zuge dessen ließ er einen Sudkesselraum im östlichen Teil der Burg einrichten und 1872 ein Maschinenhaus bauen. In der ehemaligen Lehensburg wurden außerdem Hopfen gelagert, Eier ausgebrütet und Küken gezogen. Der Schlossbesitzer war mit Sophie (Zemirah, als Kind im Haus „Zirle“ genannt), geborene Reichenbach (1799–1866), aus Hohenems in Vorarlberg verheiratet. Dem Ehepaar, das auf dem jüdischen Friedhof in Laupheim beigesetzt ist, folgten auf Schloss Groß-Laupheim bis zum Ende dieses Zweiges drei Generationen der Familie Steiner.

Aus Viktor Steiners Sohn Kilian von Steiner (1833–1903) wurde eine der herausragenden Persönlichkeiten der Gründerzeit des Deutschen Kaiserreiches. Sein Werdegang und sein Lebenswerk sind detailliert von Otto K. Deutelmoser in seinem 2003 erschienenen Buch „Kilian Steiner und die Württembergische Vereinsbank. Stuttgarter historische Studien zur Landes- und Wirtschaftsgeschichte, Band 4“ beschrieben. Der gebürtige Laupheimer war ein Mitbegründer der Deutschen Partei und des Schiller-Nationalmuseums / Deutsches Literatur-Archiv und wirkte als Königlich Württembergischer Geheimer Kommerzienrat fördernd auf das Bankwesen, den Industrialisierungsprozess und das Wirtschaftsleben in Württemberg und im Deutschland des 19. Jahrhunderts, wofür er in den Adelsstand erhoben wurde.

1894 erwarb er von seinen Geschwistern das Schloss und verlegte seinen Ruhesitz von Bad Niedernau bei Rottenburg nach Laupheim. Zugleich modernisierte er die Brauerei, kaufte umfangreiche Ländereien am Ort und Forsten in Oberdischingen hinzu und ließ einen umfassenden landwirtschaftlichen Musterbetrieb mit geräumigen Wirtschafts- und Verwaltungsgebäuden im vorarlbergisch- schweizerischen Stil einrichten. Darüber hinaus wurde unter seiner Leitung ein weiter botanischer Park und ein Rosengarten angelegt sowie das Schloss aufwendig restauriert und mit Kunstwerken ausgestattet. An Kilian von Steiner erinnert heute in Laupheim nicht nur seine Büste im Rosengarten der Schlossanlage, sondern auch die nach ihm benannte Berufsschule.

Nach seinem Tod 1903 übernahm dem väterlichen Wunsch gemäß Adolf Wohlgemut Steiner (1876–1957) das Anwesen. In seine Zeit fiel die zwölfjährige Herrschaft der Nationalsozialisten in Deutschland von 1933 bis 1945, die zur Zerstörung der jüdischen Gemeinde Laupheims und damit zur Auslöschung einer über zweihundertjährigen Koexistenz von Christen und Juden innerhalb weniger Jahre führte. Die Familie Steiner betraf die nationalsozialistische Verfolgung in besonderer Ausprägung.

Kilian von Steiner. (Quelle: Schönhagen, S. 2) 

Letzter Besitzer aus der Familie war Mut Steiners Sohn Ulrich Steiner (1908–1961), der kurz vor seinem Tod im Jahre 1961 die Wohngebäude von Schloss Groß-Laupheim und den Schlosspark an die Stadtgemeinde Laupheim verkaufte. Die Stadt restaurierte das unter Denkmalschutz stehende Gebäude. Um ein schlüssiges Nutzungskonzept zu entwickeln, vergingen Jahrzehnte, die durch kontroverse Diskussionen und intensives Ringen geprägt waren. Als Ergebnis dessen beherbergt das Schloss heute ein wohl einzigartig zu nennendes Museum zur über zweihundertjährigen Geschichte der Christen und Juden in Laupheim, das die Stadtgemeinde ihrer besonderen Geschichte gedenkend initiiert hat und das schließlich unter federführender Mitwirkung des Hauses der Geschichte in Stuttgart eingerichtet wurde. Angesichts der Schlossgeschichte gibt es wohl keinen passenderen Ort für ein Museum dieses Themas.

 

Adolf Wohlgemut Steiner

Die Lebenszeit von Adolf Wohlgemut Steiner, genannt Mut, reicht nun in den Rahmen dieses Erinnerunswerkes hinein. Er wurde am 31. Mai 1876 in Stuttgart als jüngstes Kind des Königlich Württembergischen Geheimen Kommerzienrates Dr. jur. Kilian von Steiner und seiner Ehefrau Clotilde, Tochter des Fürstlich Hohenzollern-Hechingenschen Hoffaktors Abraham Bacher, verwitwete Goldschmidt, geboren. Neben seinen beiden Halbschwestern Henriette (1855–1898) und Emilie aus der ersten Ehe seiner Mutter, die beide von Kilian von Steiner adoptiert wurden, hatte er einen älteren Bruder, Viktor (1870–1939), und eine ältere Schwester, Luise (1872–1932).

Kindheit und Jugend prägte mit seiner Mutter der liebende und großzügige Vater, der wohl auch dominant Einfluss auf seine Kinder und Enkelkinder nahm.

Kilian von Steiners Enkelin Muz Müller, Tochter von Henriette, umschrieb einmal das Verhältnis in einem Brief vom 3. August 1901 an den Großvater:

„Es ist immer so arg schön, von Dir belehrt zu werden, Großvater, – man merkt auch immer so gut, was für eine große Lebens- und Weltkenntnis Du hast und dass man nichts Gescheiteres tun kann, als Deinen Anschauungen zu folgen.“ (O.K. Deutelmoser: „Kilian Steiner . . .“, a.a.O.)
 

Der israelitische Glaube war in der Familie nicht allein prägend. Der achtzehnjährige Mut Steiner trat 1894 der evangelischen Kirche bei, wie zuvor schon sein Bruder Viktor, der 1885 einige Zeit im Hause eines evangelischen Pfarrers verbracht hatte. Ihr Vater kommentierte dies wie folgt:

 „Wir sind von Geburt Israeliten. Meine Kinder, obgleich nicht getauft, haben in der Schule und zwar ausschließlich den christlich-protestantischen Religionsunterricht genossen, meine älteste (Stief-)Tochter ist mit einem protestantischen Mann verheiratet. Ich selbst habe als Gymnasiast in einem protestantischen Pfarrhaus gelebt.“ (O.K. Deutelmoser: „Kilian Steiner . . .“, a.a.O.)
 
Nach der Gymnasialzeit in Stuttgart studierte Mut Steiner in Tübingen und an der Landwirtschaftlichen Hochschule in Hohenheim und schloss als Diplom-Landwirt ab. Während seiner Studienzeit galt er als ein gefürchteter Gegner auf dem Fechtboden, wurde Corpsstudent der Burschenschaft „Teutonia“ und diente als einjährig Freiwilliger bei den Stuttgarter Dragonern.

Der Vater Kilian von Steiner schrieb am 1. Juli 1897 an seinen Sohn Mut: „Vielleicht kann ich jetzt noch einige Jahre in L. (Laupheim – d.V.) wohnen und Dir das Nest wärmen.“ Sechs Jahre verblieben ihm dazu, bis er 1903 verstarb. Sein Besitz und Vermögen umfasste bei seinem Tod den Gegenwert von sieben Millionen Goldmark und wurde – unter Ausnahme seines Sohnes Viktor – Stiefkindern und Kindern zu gleichen Teilen vererbt.

Mut Steiner übernahm wunschgemäß den Gutsbesitz Groß-Laupheim mit dem Schloss. Er führte den weitgefächerten, prämierten Land- und Forstbetrieb nicht nur fort, sondern brachte ihn organisatorisch und technisch auf dem neuesten Stand, zu noch gesteigerter Leistung. In enger wissenschaftlicher und praktischer Zusammenarbeit mit der Landwirtschaftlichen Hochschule Hohenheim züchtete er in anhaltender genealogisch-systematischer Auslese unter anderem eine originäre und robuste, dabei ertragreiche und qualitätvolle Dinkelsorte, den „Steiners Roten Tyroler Dinkel“, der weite Verbreitung fand und die Zeit überdauerte. Zudem hielt er eine große Braunviehherde, in die er Rigiund Montafoner Tiere einkreuzte. Daneben gehörten zum Schlossgut, eine Molkerei, eine Gärtnerei, die Brauerei und die Geflügelhaltung. Insgesamt waren etwa 15 Mitarbeiter auf dem Gut und im Haus angestellt, Saisonkräfte kamen hinzu.

Mut Steiner engagierte sich in verschiedenen landwirtschaftlichen Berufsverbänden auf örtlicher und Landesebene. Als Vorsitzender des Laupheimer Ortvereines stand er dem Braunviehzuchtverein vor, als stellvertretender Vorsitzender und Mitglied im Ausschuss des Gauverbandes gehörte er dem landwirtschaftlichen Bezirksverein an und war zudem in der Generalversammlung der landwirtschaftlichen Berufsgenossenschaft vertreten. Nach Errichtung der kommunalen Wirtschaftsämter wurde er Mitglied des Wirtschaftsamtes Laupheim. Neben diesen und anderen Ämtern war er auch Bezirksvorsitzender der Jugendwehren des Oberamtes Laupheim, die er auch finanziell unterstützte. Den FußballvereinOlympia in Laupheim unterstützte er in dem er von 1905 bis 1929 eine Viehweide im Grund“ als Sportplatz zur Verfügung stellte.

Im Jahr 1903 absolvierte die 24jährige Ruth von Kalckreuth nach Abschluss ihrer Ausbildung an der Hauswirtschaftlichen Frauenschule Obernkirchen ein Praktikum in der Molkerei des Schlossgutes Laupheim, wo sie den Gutsbesitzer Mut Steiner kennenlernte. Am 20. Oktober 1904 heiratete das Paar schließlich in Berlin. Ihre Tochter Marie-Luise Clotilde wurde am 16. Oktober 1905 in Laupheim geboren, Sohn Ulrich Kilian Siegfried drei Jahre später am 21. August 1908.

Adolf Wohlgemut (genannt Mut) Steiner.

(Quelle: Gräflich Leutrumsches Archiv)

 

Ruth Steiner mit Marie-Luise und Ulrich Anfang der zwanziger Jahre des 20. Jhs.

(Quelle: Prinzessin Irmela v. Ratibor und Corvey)

 

Wie viele der patriotisch gesinnten Deutschen hatte Mut Steiner zur Unterstützung Deutschlands im Ersten Weltkrieg von 1914 bis 1918 viele Kriegsanleihen gezeichnet. Sie umfassten den größten Teil seines Vermögens und waren nach dem Krieg verloren.

Nach der Ernennung Adolf Hitlers am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler ergriffen die Nationalsozialisten zielstrebig und systematisch die Macht. Der von ihnen propagierte Antisemitismus betraf rasch die Familie Steiner. Trotz seiner Konversion zum evangelischen Glauben galt Mut Steiner mit vier jüdischen Großeltern nach der nationalsozialistischen Ideologie als sogenannter Volljude“, der in einer „privilegierten Mischehe“ mit der Protestantin Ruth Steiner lebte. Ihr wie auch ihrem Schwiegersohn Hubertus Graf Leutrum von Ertingen wurde die Scheidung von ihren jüdischen bzw. „halbjüdischen“ Ehepartnern empfohlen. Dieser „Empfehlung“ folgten beide nicht, wodurch Mut Steiner und Marie-Luise Gräfin Leutrum von Ertingen vor der Deportation geschützt waren. Durch die aufrechte Haltung der Ehegatten blieb auch ihr Besitz erhalten. Obgleich konvertiert, musste Mut Steiner ab 1938 den von den Nationalsozialisten eingeführten Zwangsnamen „Israel“ führen und sein Reisepass wurde mit einem J“ für Jude gekennzeichnet.

In diesen Jahren war Mut Steiner aus allen Organisationen und Verbänden verwiesen und lebte völlig aus der Öffentlichkeit zurückgezogen auf dem Schloss Groß-Laupheim, wo er die Zeit des Nationalsozialismus überlebte. Dort verbrachte er nach Ende des Krieges seinen Lebensabend und starb am 13. September 1957.

 (Quelle: Standesamt Laupheim, Familienregister)

 

Ruth Steiner, geborene von Kalckreuth

Ruth Steiner wurde am 22. September 1879 in Neiße/Schlesien als Tochter von Oberstleutnant Siegfried von Kalckreuth (1851–1901) und Marie von Kriiger (1854–1882) geboren. Sie war das älteste von sieben Kindern, die – infolge des Todes der Ehefrauen aus drei Ehen des Vaters stammten. Ihre Jugend verlebte Ruth in Oels. Der Tod des Vaters im Alter von 49 Jahren im Jahr 1901 beendete eine Phase der familiären Unbeschwertheit. Mit 22 Jahren entschloss sie sich – als eine der ersten Frauen überhaupt zu einer Ausbildung an der fortschrittlichen Hauswirtschaftlichen Frauenschule in Reifenstein. Ruth absolvierte dort vom 16. April 1901 bis zum 22. März 1902 ihre Ausbildung in ländlicher Hauswirtschaft. Im Anschluss daran wechselte sie innerhalb des Reifensteiner Verbandes zur Filiale Obernkirchen, wo sie die Prüfung zur Lehrerin in Haus- und Landwirtschaft ablegte und einige Monate im Fach Molkerei lehrte.

Nach dem oben angeführten Praktikum in Laupheim auf dem Steinerschen Mustergut und der Hochzeit im Jahr darauf erfüllte sie die Aufgaben als Ehefrau eines Gutsherren und Intellektuellen, die einen großen Haushalt zu führen hat. Daneben erschloss sie sich als eigenen Wirkungskreis im Betrieb ihres Mannes die moderne Molkerei, wenig später widmete sich Ruth Steiner neben der Gartenbewirtschaftung bereits dem Ausbau des Geflügelhofes zu einem vielbeachte- ten, leistungsfähigen Teil des Gutsbetriebes. Ihr Ziel war es, „leistungsfähige, kräftige Tiere, die sowohl in Eierertrag wie als Tafelgeflügel befriedigen“ zu züchten. Weiße amerikanische Leghorns, Lachshühner, pommersche Gänse, Cayuga-Enten und virginische Schneeputen wurden gehalten und zur Brut genutzt, die auch an die Mitglieder des Laupheimer Landwirtschaftlichen Hausfrauenvereins veräußert wurden. Das Futtermittel kam aus dem eigenen Gutsbetrieb. Auf den vier Morgen großen, mit Obstbäumen bestandenen Hühnerausläufen wurden ostfriesische Milchschafe gehalten, deren Milch für die Kükenaufzucht verwendet wurde. Die Wolle der Schafe wurde im Haus versponnen und zu verschiedenen Stoffen verwebt.

Als Förderin und Patin der neuen Zeitschrift „Die Gutsfrau“ trat Ruth Steiner mit 23 anderen Frauen von 1912 bis 1922 als Herausgeberin dieses Blattes auf, das sich als Fachorgan für die gebildete Frau auf dem Land“ sah und die Frauen in ihren Aufgaben in der Führung des landwirtschaftlichen Betriebes unter Einbeziehung des technischen Fortschritts stärken wollte.

Ruth Steiner engagierte sich seit 1912 in zunehmendem Maße in der Öffentlichkeit Laupheims. So spendete sie, wie auch ihre Schwiegermutter Clothilde Steiner, einen namhaften Betrag für eine Kleinkinderschule (d.h., Kindergarten), die am 9. August 1914 in Laupheim Schmidstraße, Ecke Radstraße eröffnet werden konnte und noch heute besteht. Darüber hinaus amtierte sie von 1916 bis 1926 als Vorsitzende des Vereins für Haus- und Säuglingspflege.

Ihre patriotische und humane Haltung hat sie wohl zu einem intensiven Engagement im Rahmen des Roten Kreuzes bewegt. Im Vorfeld des Ersten Weltkrieges übernahm sie den Vorsitz der Depot- und Helferinnenabteilung des Roten Kreuzes in Laupheim, zu deren Betätigungsfeld neben der Einrichtung und Verwaltung eines Depots die Veranstaltung von Sammlungen und die Ausbildung von Helferinnen gehörte. Nach dem Kriegseintritt Deutschlands am 1. August 1914 baute das Rote Kreuz in Laupheim ein Lazarett auf. Am 1. September 1914 erreichte der erste Transport mit 39 Verwundeten Laupheim und 27 von ihnen wurden im Bezirkskrankenhaus versorgt. Acht Tage später kam ein zweiter Transport mit 62 Verwundeten mit Arm- und Beinverletzungen leichterer Art an, die in die von Ruth Steiner im zweiten Stock des Schlosses eingerichtete Abteilung des Lazarettes zugewiesen wurden. Zwölf leichter Verwundete des ersten Transportes wurden dort bereits gepflegt.


 Sanitätskurs r Rotkreuzhelferinnen 1914: (v.l.)

Dr. Bullinger, Kinzelbach, Ruth Steiner, Schabel, vorne: Ganser.

(Quelle: Prinzessin Irmela von Ratibor und Corvey)

 

Ruth Steiner beteiligte sich selbst als Helferin an der Versorgung der Kranken. Um eigenständiger pflegen zu können, absolvierte sie einen sechswöchigen Ausbildungskurs im Bezirkskrankenhaus Laupheim, das sie durch den Schlosspark rasch erreichte. Acht Verletzte des dritten Transportes aus Flandern fanden dann im Schlosslazarett Aufnahme, die sie selbst versorgte, pflegte und verband. Darüber hinaus war sie an diversen Sammelaktionen für Geld, Kleidungsstücke oder Lebensmittel für die Soldaten oder Bedürftige in der Heimatfront beteiligt. Ihr engagierter Einsatz wurde im September 1916 vom deutschen Kaiser Wilhelm II. mit der Rotkreuz-Medaille III. Klasse gewürdigt.

Parallel dazu förderte sie im Zusammenwirken mit Fürstin Therese zu Hohenlohe-Waldenburg (1869–1927) die Gründung Landwirtschaftlicher Hausfrauenvereine. Am 1. Oktober 1916 hielt Ruth Steiner auf der konstituierenden Sitzung des Bezirksverbandes in Laupheim als Vorsitzende ihren ersten Vortrag über die Ziele, die sie in der haus- und landwirtschaftlichen Ausbildung der Hausfrauen, der Steigerung der Erzeugung und des Absatzes landwirtschaftlicher Produkte, der Verbesserung der Versorgung der Städte mit Lebensmitteln sowie der Überbrückung der Gegensätze zwischen Stadt und Land sah. Bereits 14 Tage nach Vereinsgründung wurde in der Kapellenstraße 34 eine Verkaufsstelle eingerichtet, wo Geflügel, Gemüse, Obst, Kartoffeln, Butter, Wild, Fische und Eier der Mitstreiterinnen verkauft wurden. Ruth Steiner war laut Aussagen ihrer Tochter Marie-Louise oft in den Räumlichkeiten anzutreffen, da sie dort nach dem Rechten schaute und Abrechnungen erledigte. Zudem begab sie sich auf Vortragsreisen, um weitere Vereinsgründungen anzuregen. Der Landwirtschaftliche Hausfrauenverein Laupheim konnte am 14. Februar 1918 aufgrund erfolgreichen Wirkens ein Haus mit Scheuer, Waschhaus, Hofraum sowie Gras- und Baumgarten in der Kapellenstraße 39 a/b von Rosa Einstein, geb. Regensteiner, Witwe von Sigmund Einstein, erwerben. Die Verkäuferin erhielt das Wohnrecht in der Wohnung im 2. Stock. Im Vereinshaus wurde eine Einmach- und Dörrküche eingerichtet sowie Herd- und Waschkessel aufgestellt, um Obstsäfte zu sterilisieren. Die Küche war Ort von Kochkursen aller Art. Trotz der schwierigen Situation in Deutschland nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg, die zur Auflösung von Verkaufsstellen und Vereinen führte, behauptete sich der Landwirtschaftliche Hausfrauenverein in Laupheim, der 1920 483 Mitglieder zählte. Nach dem Tod ihrer Freundin und Weggefährtin Fürstin Therese zu Hohenlohe-Waldenburg, die den Württembergischen Landesverband gegründet hatte, wurde Ruth Steiner 1928 zu dessen Erster Vorsitzender gewählt. Sie drängte darauf, den Landfrauen Errungenschaften der Technik und Wissenschaft nahe zu bringen, um deren Arbeit zu erleichtern, effektiver und produktiver zu machen. Dazu zählte auch die Einrichtung genossenschaftlicher Waschküchen. Bis 1932 entstanden in Württemberg 416 Vereine mit insgesamt 8000 Mitgliedern, deren Zahl eine Erfolgsgeschichte widerspiegelt.

 Landwirtschaftlicher Hausfrauenverein: „Einweihung unseres Hauses im Mai 1918“

(Quelle: Prinzessin Irmela von Ratibor und Corvey)

 

1924 hatte Ruth Steiner eine Webstube mit einem Handwebstuhl im Schloss Großlaupheim eingerichtet. In kurzer Zeit wurden fünf Webstühle aufgestellt und um eine Nähstube ergänzt. Ziel war es, den Landfrauen in der schwierigen Wirtschaftslage Zusatzeinkünfte zu verschaffen. In der Werkstatt wurden Kinderkleider wie Spielhöschen, Bubenkittel, Kleidchen und Bauernhemdchen gefertigt. Auch Berufs- und Festkleider, „Laupheimer Schürzen“ mit charakteristischen Borten, Vorhänge, Tischdecken, Läufer, leinene Handtücher und Polsterstoffe u.a.m. gehörten zu den Erzeugnissen der „Handweberei Oberland“, die zunächst von Hertha Gräfin Vitzthum von Eckstädt, einer Freundin von Ruth Steiner, geleitet wurde. Anfang der 30er Jahre übernahm Ruth Steiner diese Aufgabe, bevor sie sie 1932 an Elise Esslinger übergab. Die Weberei fand schließlich in der Mittelstraße 29 ihr Domizil, wo noch Anfang der fünfziger Jahre etwa 22 Weberinnen beschäftigt waren.

(„Laupheimer Verkündiger“, 5. 10. 1924)


Nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten musste Ruth Steiner ihr Amt als Landesvorsitzende des Württembergischen Landwirtschaftlichen Hausfrauenvereins im Frühjahr 1933 abgeben und zog sich wie ihr Mann aus der Gesellschaft zurück. Der Verein wurde im Dezember 1933 im Zuge der Gleichschaltung in den Reichsnährstand/Landesbauernschaft Württemberg eingegliedert. Sein Verögen ging an den Reichsnährstand über, der das Haus des Laupheimer Frauenvereins in der Kapellenstraße veräußerte.

Im Juli 1944 war Ruth Steiner nach ihren eigenen Angaben von ihrer Köchin beim Ortsgruppenleiter der NSDAP Laupheim denunziert worden. Zu dieser hatte sie nach Bekanntwerden des Attentats auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944 gesagt: „Man muss bedenken, dass Stauffenberg und die Generäle glaubten, das Beste für Deutschland zu tun. Sie hofften, so eher zum Frieden zu kommen.“ Am 22. Juli wurde die 65jährige Ruth Steiner verhaftet, ihr „Zersetzung des deutschen Wehrwillens vorgeworfen und Anklage gegen sie erhoben. Das Verfahren wurde im Zuge des Attentats an den Volksgerichtshof Berlin übergeben, während die Angeklagte mehrere Haftstationen durchlief. Vom 22. Juli bis 19. August war sie im Gestapogefängnis in Ulm inhaftiert, nicht aktenkundig ist die Zeit von August bis November. Von November bis Anfang Dezember war sie im Gestapogefängnis in Ulm und Leonberg inhaftiert. Ab 3. Dezember 1944 folgte ihre Haft im Frauenarbeitserziehungslager Rudersberg im Welzheimer Wald.

Ruth Steiner schrieb nach 1945 in einem Aufsatz ihre Erinnerungen unter dem Titel Weihnachten 1944 im Gestapolager Rudersberg“ und gab ihn ihr nahestehenden Menschen:

 

„Unbarmherzig flammt jeden Tag, alltags wie sonntags um 4 Uhr morgens, das grelle Licht in dem kalten, kahlen Schlafraum auf, und die Aufseherin brüllt mit keifender Stimme: ‚Aufstehen, sofort antreten!' Die Häftlinge, die dicht neben- und übereinander liegen, erheben sich schlaftrunken und treten in Dreier-Reihen zum Abzählen an. Man hat kaum Zeit, in die grauen Hosen zu schlüpfen, die als Häftlingstracht jeder zugeteilt, von den Älteren mit Widerstand und Kummer angezogen wurden und sich dann als praktisch und warm erwiesen. Man muß feststellen, ob auch keiner über Nacht durchgegangen ist, und hin und wieder klatscht eine Ohrfeige, um das Tempo zu beschleunigen. Während die Belegschaft peinlich genau die Betten machen muß und dann in der früheren Kegelbahn, jetzt Waschraum, sich unter dem eiskalten Hahnen waschen muß, stürzen die Häftlinge, die Küchendienst haben, so schnell wie möglich nach unten, um in der Küche den großen Kaffeekessel zu heizen, Brot zu schneiden, und im Eßraum zu decken, denn kaum ist man damit fertig, erscheinen die übrigen Häftlinge, die mit den Zügen nach auswärts zur Arbeit fahren müssen. Das Feuer brennt schlecht mit dem nassen Holz, das meist erst den Tag vorher aus dem Wald geholt wurde. Auf dem Podium müssen sie nun stehen, die Armen, angeschrien von dem Lagerleiter, der zur Arbeit einteilt und dabei ausgiebig den Ochsenschwanz gebraucht, um sich Nachdruck zu verschaffen. [. . .]“

Die internierten und derart schikanierten Frauen kamen aus Deutschland, der Sowjetunion, Polen, Frankreich, Dänemark und anderen Ländern. Darüber hinaus quälten sie die unzureichenden hygienischen Bedingungen und Ungeziefer wie Wanzen. Der Protestantin Ruth Steiner, der nach eigener Aussage ihr Glaube an Gott und die Liebe half, die Haftzeit zu überstehen, berichtet in diesem Zusammenhang über sehr solidarisches Verhalten der Inhaftierten untereinander:

 

"Eine mitleidige Leidensgenossin hilft mir, mich mit einer vorzüglich wirkenden Flüssigkeit einzureiben, die diese Tierchen (Wanzen - d.V.) zeitweise vertreiben soll. Es gibt überhaupt freundliche Seelen, die mir beim Küchenputzen, Scheuern usw. helfen, so dass ich nach Tisch auf einen Schemel an den großen Kessel gelehnt, eine halbe Stunde sitzen kann. Gutherzig ist die alte Köchin, die eigentlich eine Bäuerin aus einem Nachbardorf ist, die uns Küchenleuten allen zum Vesper ein Stück Brot und Wurst heimlich zusteckt, was eigentlich nur die ‚Herrschaft' (Lagerleiter und Aufseherinnen) bekommen soll."

Eindringlich und berührend wirken ihre Zeilen, die die unmenschlichen und würdelosen Zustände beschreiben. Zugleich schildert sie, wie es ihr und den mit ihr inhaftierten Frauen gelingt, ihre Würde und einen humanen Umgang miteinander zu bewahren. Ausdruck ihrer reifen Persönlichkeit ist Ruth Steiners differenzierte Wahrnehmung des weiblichen Gestapo-Wachpersonals des Lagers.

 

„Und aus irgendeinem Grunde habe ich das Herz einer Aufseherin gewonnen, die mir bis über den Transport über Stuttgart hinaus das Leben erleichtert hat. Ich möchte ihr das wohl noch einmal wieder vergelten können. Aber es gibt natürlich auch böse, hinterlistige Wesen, die einem mit Absicht schikanieren und quälen. Obgleich wahrscheinlich in den meisten auch gute Regungen sind. Mich überraschte es, als einmal meine Tochter mich besuchen durfte und sich die betreffende Aufseherinnen so lange wie möglich im Büro ablösten, um uns zu helfen, und mich dann eine aber doch schließlich wegführen musste. Da weinte sie bitterlich und erzählte mir dann von ihrer Mutter, zu der sie zurückwollte, sie wollte nicht länger Aufseherin bleiben. Es sind wohl meistens arme, mißleidete Geschöpfe, die auch nicht wussten, was sie taten, als sie bei der Gestapo eintraten. Gott mag wissen, aus welchen Kreisen sie kamen.“

 

Am 14. Februar 1945 wurde Ruth Steiner aus dem Gestapolager Rudersberg in das Gestapogefängnis von Cannstatt und Stuttgart verlegt, wo sie am 3. April 1945 ihre Befreiung durch die alliierten Truppen erlebte. Zu einer rechtskräftigen Verurteilung durch den NS-Staat war es nicht mehr gekommen.

Ruth Steiner kehrte gesundheitlich angeschlagen und erschöpft nach Hause auf Schloss Groß-Laupheim zurück, wo ihr Mann Mut Steiner lebte und Marie-Luise Gräfin Leutrum während der Abwesenheit von Mutter und Bruder das Ruder in die Hand genommen hatte, und wo nun zahlreiche Verwandte aus den Ostgebieten Aufnahme fanden. Darüber heißt es in der Familienchronik der von Kalckreuth: „Diese Zeit hat sie nie ganz verwunden, wenngleich ihr vergönnt war, noch einige Jahre ihrem großen Haushalt und dem Geflügelzuchtbetrieb vorzustehen.“ Die Familie hegte keine Revanchegefühle und half in der Nachkriegszeit, wo sie konnte. In den Nachkriegsjahren bemühte sich Ruth Steiner um die offizielle Wiedergutmachung beim Landesamt für Wiedergutmachung. Es dürfte nicht um eine materielle Entschädigung gegangen sein, sondern um eine seelisch-moralische. Im Urteil aus dem Jahr 1952, das ihre Verfolgung und Schädigung anerkannte, heißt es: „Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß die mit einem Juden verheiratete Antragstellerin die ihr zu Last gelegten Äußerungen mit voller Genugtuung und aus einer gegnerischen Haltung zum Nationalsozialismus heraus getan hat. Sie war damals bereits 66 Jahre alt, und es kann im Hinblick auf ihr Alter sich nur um eine achtbare Äußerung eines Menschen, der durch eine Ehe mit einem Juden in der damaligen Zeit besonders schweren Schicksalsschlägen ausgesetzt war, gehandelt haben.“

Ruth Steiner starb am 7. September 1955 in Laupheim, ihr Mann Mut Steiner zwei Jahre später. Das Ehepaar ist auf dem Familienfriedhof Oberdischingen beigesetzt. Heute ist der Hauptweg im Ringelhauser Park in Laupheim nach ihr benannt.

 

Marie-Luise Steiner

Die Tochter von Mut und Ruth Steiner wurde am 16. Oktober 1905 in Laupheim geboren. Nach dem Abitur am Viktoria- Pensionat in Karlsruhe besuchte sie wie zuvor ihre Mutter die Hauswirtschaftliche Frauenschule in Reifenstein, studierte an der Landwirtschaftliche Hochschule Hohenheim Volks- und Landwirtschaft und schloss als erste Studentin mit Diplom ab. An der Hochschule lernte sie den Grundbesitzer Hubertus Graf Leutrum von Ertingen kennen. Nach der Hochzeit am 30. Dezember 1930 lebte das Ehepaar auf Schloss Unterriexingen.

1932 gründete Marie-Luise Gräfin Leutrum am Ort einen Landwirtschaftlichen Hausfrauenverein, der rasch aufblühte. Als die Vereine 1933 aufgelöst wurden, zog auch sie sich aus der Öffentlichkeit zurück.

Als Marie Luise Gräfin Leutrum nach 1945 von agrarpolitischen Vertretern Württembergs und den Alliierten gebeten wurde, setzte sie die Arbeit ihrer Mutter in deren frauenpolitischem Engagement mit der Gründung von Landfrauenvereinen fort. Auf der Gründungsversammlung des Landfrauenverbandes Württemberg-Baden im Jahr 1947 wurde Gräfin Leutrum zur Vorsitzenden gewählt und bekleidete dieses Amt bis 1959.

  

Marie-Luise Steiner als Dreijährige (oben) und im Grundschulalter auf einem Esel

reitend vor dem Schloss Groß-Laupheim.

(Quelle: Prinzessin Irmela von Ratibor und Corvey)



 

Das Ehepaar Marie-Luise, geb. Steiner, und Hubertus Graf Leutrum von Ertingen.

(Quelle: Prinzessin Irmela von Ratibor und Corvey)

 

Auf ihre Initiative wurde 1948 der Deutsche Landfrauenverband (DLV) gegründet, dessen Präsidentin sie bis 1970 war und den sie mit feiner Diplomatie zur Mitgliedschaft in den Weltlandfrauenverband (ACWW) führte. 1949 rief sie als Mitbegründerin den Verband der Europäischen Landwirtschaft (CEA) ins Leben. Im selben Jahr zählte sie zu den Begründerinnen des Frauenausschusses Ländliche Hauswirtschaft bei der Württembergischen Ländlichen Zentralgenossenschaft. Anfang der 50er Jahre des 20. Jhs. zog sie mit ihrer Familie nach Schloss Nippenburg bei Schwieberdingen. Im lokalen Rahmen arbeitete sie dort als Kirchengemeinderätin und später als Kreisrätin in Ludwigsburg. Für ihre hohen Verdienste wurde sie neben zahlreichen weiteren Würdigungen von Bund, Land und Verbänden 1970 vom Deutschen Landfrauenverband mit der Ehrenpräsidentschaft und der „Goldenen Biene“ ausgezeichnet. Von der Universität Hohenheim wurde ihr 1973 der Titel einer „Ehrensenatorin“ verliehen. Im Alter von 75 Jahren starb Marie-Luise Gräfin Leutrum von Ertingen am 24. Mai 1980 in Heidelberg. Aus ihrer Ehe gingen zwei Söhne und eine Tochter hervor.

 

 

 Marie-Luise Gräfin Leutrum v. Ertingen.

(Quelle: Prinzessin Irmela von Ratibor und Corvey)

 

Ulrich Steiner

Ulrich Steiner wurde am 21. 8. 1908 in Laupheim geboren. Die urbane Weite des Denkens und die vaterländischideale Einstellung seines Elternhauses prägten ihn. Er sympathisierte während des Studiums der Rechtswissenschaften und der Volkswirtschaft in München mit dem Gedankengut der Konservativen Revolution, trat 1929 dem rechtskonservativen Frontkämpferbund „Stahlhelm“ bei und unter dem Eindruck der Krise der späten Weimarer Republik der NSDAP.

Ulrich Steiner.

(Bilderkammer Museum)

 

Doch wurde er bald ausgegrenzt, denn Ulrich Steiner galt als „Mischling 1. Klasse“, weshalb er 1933 aus der NSDAP ausgeschlossen und ihm ein Universitätsabschluss verweigert wurde. Obwohl er als Soldat in der Motivierung seiner Einheit hervorgetreten war, wurde er nach dem Frankreichfeldzug als „nicht wehrwürdig“ entlassen. Danach führte er unter widrigen Umständen Gutsbetrieb und Schlossbrauerei in Laupheim. Im Zuge der Verhaftungswelle nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 wurde Ulrich Steiner in Leimbach, einem Außenlager des Konzentrationslagers Buchenwald, inhaftiert, wo er das Kriegsende erlebte. Nach dem Krieg übernahm er kurzzeitig das Amt des stellvertretenden Bürgermeisters in Laupheim. Aufgrund seines persönlichen Engagements gelang nach der Auflösung aller Vereine durch die Besatzungsmächte 1946 die Zulassung eines Sportvereins in Laupheim, in dem der ehemalige Turnverein, FV Olympia und der Tennisclub zusammengeführt wurden und dessen Ehrenpräsident er später war.

Ulrich Steiner war Mitbegründer der CDU in Südwürttemberg-Hohenzollern, in der er von 1945 bis 1947 zum Fraktionsvorsitzenden sowie Vorsitzenden des Verfassungsausschusses der Beratenden Landesversammlung als vorbereitendem Organ einer Landesregierung und zum Vorsitzenden der Landespartei aufstieg. In der Bundespartei war er Vorstandsmitglied der als höchstes Gremium der Partei angelegten Arbeitsgemeinschaft der CDU/CSU, ARGE. Er gehörte zur Delegation, die frühzeitig über die Ost-CDU im Gespräch mit Marschall Schukow Kontakt zu Russland suchte.

 

 

 Ulrich Steiner (2. v. l.) zusammen mit Konrad Adenauer

(5. v .l.) und Jakob Kaiser (6. v. l.) auf der Vorstandssitzung der

CDU/CSU-Arbeitsgemeinschaft am 26. 4. 1948 in Frankfurt a.M.    

(Quelle: Konrad-Adenauer-Stiftung e.V., ACDP-Bildarchiv St. Augustin)

 

Als Folge seiner Ausgrenzung im Dritten Reich ohne administrative Erfahrung und ohne gewachsene politische Verbindungen blieb Ulrich Steiner indessen in der Spitze der Landespartei als tragender Struktur letztlich Außenseiter. So konnte er sich in der Frage der Neustrukturierung des Erziehungswesens mit der Vorstellung einer Gemeinschaftsschule nicht durchsetzen. Auch entsprach das Hauptinteresse seines parteiübergreifenden Denkens, die Fragen der Deutschland- und Europapolitik, nicht den von den Besatzungsmächten zugelassenen Betätigungsfeldern. Zudem glaubte er sich durch seine frühere Mitgliedschaft in der NSDAP kompromittiert. All dies führte dazu, dass Ulrich Steiner nach 1948 in der CDU keinen Einfluss mehr erlangen wollte, vielleicht auch nicht konnte.

Statt dessen initiierte er im Frühjahr 1948 den „Laupheimer Kreis“, in dem sich Persönlichkeiten aller politischen und konfessionellen Richtungen zum Gedankenaustausch auf Schloss Groß-Laupheim und anderen Orten trafen, um Einfluss auf Sach- und Personalfragen im entstehenden westdeutschen Staat zu nehmen. Unter den Teilnehmern befanden sich Adlige, Politiker, Akademiker, Wirtschaftsleute und Publizisten, vorwiegend aus dem süddeutschen Raum. Zu ihnen gehörten unter anderem Heinrich von Brentano, Fritz Erler, Max von Fürstenberg, Hans-Christoph sowie Friedrich Schenk von Stauffenberg, August Hauleiter, Otto Lenz, Carlo Schmid, Hans Speidel, aber auch der spätere Bundeskanzler Kurt-Georg Kiesinger und Bundespräsident Theodor Heuss. Thematisiert wurden bei den Treffen zwischen 1949 und 1955 Geschichte und Politik, Fragen der Staatsneuordnung und Marktwirtschaft, Außen- und Sicherheitspolitik.

Geistig von einem elitäronservativen Hintergrund kommend, wandte sich Ulrich Steiner immer stärker von der beginnenden Ausrichtung der CDU auf eine konsequente Volkspartei ab, entfernte sich von den Positionen der Teilnehmer und geriet in die Isolation.

Dies wohl auch aus einem pessimistischen Grundzug heraus, der ihm von seinem Erleben im NS-Regime zurückgeblieben war. So scheiterten auch Versuche 1957 und 1960, den Kreis noch einmal zu beleben. Gegen seine finanziellen Probleme – auch in Folge der Ausrichtung der Tagungen des „Laupheimer Kreises“ – und gegen gesundheitliche Schwierigkeiten kämpfte Ulrich Steiner vergeblich. 1961 verkaufte er im Einvernehmen mit seiner Schwester Marie-Luise Gräfin Leutrum von Ertingen Schloss Groß-Laupheim und Park an die Stadt Laupheim. Sein Schwager Hubertus Graf Leutrum von Ertingen übernahm die Landwirtschaft.

Zeit seines Lebens war Ulrich Steiner Kunst, Literatur und Geschichte zugeneigt. Er schrieb selbst Gedichte, die er Ende der 50er Jahre im eigenen permanent subventionierten Verlag publizierte, über den er auch die Reden und Aufsätze seines politischen Kreises herausgab. Ulrich Steiner starb am 23. Dezember 1961 in München und wurde auf dem Familienfriedhof Oberdischingen beigesetzt. Ein Drittel seines Vermögens hinterließ er den Kirchen beider christlicher Konfessionen.

 

  

Quellen:

Adress- und Geschäftsbuch für die Oberamtstadt und die Bezirksgemeinden Laupheim Württ., hrsg. v. Rupert Lang. München 1925

Braun, Josef: Alt-Laupheimer Bilderbogen. Band 1 u. 2. Laupheim 1985 u. 1988.

Deutelmoser, Otto K.: Kilian Steiner und die Württembergische Vereinsbank. Stuttgarter historische Studien zur Landes- und Wirtschaftsgeschichte. Band 4. Hrsg. Franz Quarthal u. Gert Kollmer- von Oheim-Loup. Jan Thorbecke Verlag Ostfildern 2003.

Häußler, Frank: Ulrich Steiner und der Laupheimer Kreis. Ein konservatives Randphänomen in der Frühzeit der Bundesrepublik Deutschland. Aus: Historisch-politische Mitteilungen. Archiv für Christlich- Demokratische Politik. Köln, Weimar, Wien 1999. S. 189–205.

Laupheimer Verkündiger 1925 bis 1933.

Kussmaul, Sibylle: Geschichten zur Geschichte von Schloss Großlaupheim. Aus: Christen und Juden in

Laupheim. Hrsg. v.d. Gesellschaft für Geschichte und Gedenken e.V. Laupheim. 4/2001. S. 3–7. Schenk, Georg: Laupheim. Geschichte Land Leute. Weißenhorn 1976.

Steiner, Ruth: Weihnachten 1944 im Gestapolager Rudersberg.

Wörner-Heil, Dr. Ortrud: Ruth Steiner (1879–1955). Die letzte Schlossherrin auf Schloss Großlaupheim. Vortrag am 9.März 2002 im Kolpinghaus am Schlosspark Laupheim.

www.klausehm.de. www.tsv-laupheim.de. Standesamt Laupheim.

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