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Die jüdische Gemeinde Laupheim und ihre Zerstörung

  Gedenkbuch Seiten 452 - 455

RIESER, Max

Viehhandel, Radstraße 35

 

DR . ANTJE KÖHLERSCHMIDT

Max Rieser, geb. 27. 2. 1864 in Laupheim, gest. 8. 2. 1941 in Laupheim OO Milli, geb. Oettinger, geb. 11. 12. 1868 in Fischbach, gest. 29. 3.934 in München
[– Hermine Rieser, geb. 1. 4. 1892 in Laupheim] [– Elsa Rieser, geb. 28. 9. 1894 in Laupheim OO Ignaz Theilheimer, geb. 10. 3. 1891 Gunzenhausen, Emigration in die USA, gest. 10. 4. 1946 in New York.]  

Mit Max Rieser und seinen Nächsten komplettiert sich das Bild von der Rieser-Familie, war er doch der acht Jahre jüngere Bruder von Heinrich Rieser, dessen Lebensweg im vorangegangenen Artikel nachgezeichnet wurde. Dabei konnte nur wenig über Heinrich Rieser selbst erzählt werden, da die Quellenlage zu dürftig war. Das trifft nun auch im Wesentlichen auf seinen Bruder Max Rieser zu.

Dieser wurde am 27. Februar 1864 in Laupheim geboren und war mit Milli Oettinger, geboren am 11. Februar 1868 in Fischbach, seit der Eheschließung am 7. Juli 1891 in Neu-Ulm verheiratet. Ihre Töchter Hermine und Elsa wurden im Abstand von zwei Jahren, 1892 und 1894, in Laupheim geboren. Die Familie wohnte wie die Verwandten in der Radstraße, allerdings in der Nummer 35. Über das Wirken des Paares in der jüdischen Gemeinde ist nichts bekannt. Der Name Max Rieser taucht in den seit den Nürnberger Gesetzen abgeforderten Mitgliedslisten zweier Vereine auf, der Bruderschaft Talmud Thora e.V. und dem Central-Verein der Juden in Deutschland, die letztlich als sein Bekenntnis zur Glaubensgemeinschaft verstanden werden dürfen. Die beiden Töchter haben wie ihre Cousinen die jüdische Volksschule besucht. Die jüngere war auf dem Schulfoto aus dem Jahr 1904 mit ihrem Lehrer Haymann zu finden, auf dem auch ihre Cousine Elsa Ruth Rieser abgebildet ist. Elsa Rieser heiratete am 7. Juni 1921 in Laupheim Ignaz Theilheimer aus München. Dieser stammte gebürtig aus Gunzenhausen in Bayern. Im Gedenkbuch der Münchner Juden 1933–1945.“ war zu erfahren, dass ihm, vermutlich mit Frau und Kindern, die Emigration in die USA gelungen war. Er starb in New York am 10. April 1946. Über seine Frau und eventuelle Nachfahren war nichts in Erfahrung zu bringen.


Elsa Rieser, 2. Reihe, Mitte.

Hinzuzufügen ist, dass Milli Rieser am 23. März 1934 in München verstarb, als sie die Familie ihrer Tochter besuchte. Keine Spur war von der älteren Tochter Hermine Rieser zu finden. Da sie in keiner der Listen über die jüdischen Einwohner Laupheims 1933 erwähnt wurde, ist anzunehmen, dass sie ihre Heimatstadt bereits zuvor verlassen hatte.

So dürfte der siebzigjährige Max Rieser ab 1934 allein in Laupheim in der Radstraße 35 gewohnt haben. Dies bestätigt die Reaktion auf sein Gesuch um Weiterbeschäftigung seiner langjährigen Hausgehilfin Paula Jans. Im September 1935 war das im Original lautende Gesetz zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“ verabschiedet worden, im Paragraph 3 hieß es: Juden dürfen weibliche Staatsangehörige deutschen oder artverwandten Blutes unter 45 Jahren nicht in ihrem Haushalt beschäftigen.“ Ausnahmen bedurften der Genehmigung, die hier unter Vorbehalt vom Bürgermeister Ludwig Marxer – fanatischer Antisemit, Mitglied der NSDAP und seit 1935 Bürgermeister in Laupheim befürwortet wurde. In seiner Stellungnahme an das Oberamt Laupheim, die auf der vorigen Seite abgedruckt ist, äußerte er sich entsprechend diffamierend über den Antragsteller Max Rieser, den Ludwig Marxer wohl kaum gekannt haben durfte, da er selbst aus Saulgau stammte und erst kurze Zeit im Amt war.

Max Rieser war immer im Viehhandel tätig und das 1933 noch mit einem Beschäftigten. Eine so genannte Gewerbelegitimationskarte war für den meist auf den Bauernhöfen stattfindenden Viehhandel erforderlich. Das Passfoto von Max Rieser stammt aus einer solchen, die im Kreisarchiv Biberach gefunden werden konnte. Noch 74jährig besaß er einen Wandergewerbeschein, den er 1938 wie der Mann seiner Nichte Clothilde Levy, Julius Levy, dann gezwungenermaßen auf Aufforderung des Viehwirtschaftsverbandes Stuttgart abgeben musste.

Aus einem Schreiben des Viehwirtschaftsverbandes Württemberg an den Landrat in Laupheim am 14. Oktober 1938 über die Anwendung der Gewerbeordnung für das Deutsche Reich vom 6. Juli 1938 (RGBl. I S. 823):

 
„Es bleibt dem jüdischen Viehverteiler zwar noch die Möglichkeit, den Viehhandel als stehendes Gewerbe zu betreiben. Diese Form des Gewerbebetriebs setzt ihn aber nur instand, innerhalb des Gemeindebezirks seiner gewerblichen Niederlassung Vieh zu kaufen und zu verkaufen. Vieh von Erzeugern, die ausserhalb seines Gemeindebezirkes wohnen, darf er nur noch kaufen, wenn ihm dieses Vieh nach seiner gewerblichen Niederlassung angeliefert wird, ohne dass er aber etwa schon vorher hinausgefahren ist und das Vieh bei den Erzeugern vorgekauft hat. Da diese Fälle so gut wie ausgeschlossen erscheinen, bleibt als einzige Möglichkeit für den jüdischen Viehverteiler noch die, dass er arische Personen beschäftigt und für diese eine Legitimationskarte beantragt. In diesem Falle könnte die Legitimationskarte zwar nicht versagt werden, praktisch dürfte diese Möglichkeit aber auch ausscheiden, da es wohl kaum noch derartige arische Personen geben wird, abgesehen davon, dass bei diesen unter Umständen im Falle eines Tätigwerdens für einen jüdischen Viehverteiler ein Vergehen gegen die Verordnung gegen die Unterstützung der Tarnung jüdischer Gewerbebetriebe vom 22. 4. 1938 (RGBl. I S. 404) angenommen werden könnte."

 

Das bedeutete faktisch das Aus für ihre Geschäftstätigkeit als Viehhändler, womit ihnen wie aus dem Schreiben sehr deutlich wird ganz bewusst die Existenzgrundlage endgültig entzogen wurde, was natürlich neben Max Rieser auch den Mann seiner Nichte, Julius Levy, und damit natürlich auch alle anderen jüdischen Viehhändler sowie deren Angehörige betraf. Das Haus in der Radstraße 35, das Max Rieser gehörte, hatte er bereits im April 1937 an den Amtsboten Johann Schneider für 8300 RM verkauft.

Max Rieser zog aber erst im November 1939 in das jüdische Altersheim am Judenberg, wo er, wie alle Bewohner, zwar unter beengten Bedingungen lebte, aber im Kreise seiner Alters- und Glaubensgefährten war, was in diesen bedrückenden Jahren für die Betroffenen hilfreich gewesen sein dürfte. Auf einem der bekannten Fotos aus dem jüdischen Altersheim ist er neben Maier Wertheimer und vor Julius Einstein sitzend abgebildet. Im Vergleich zum Passfoto wirkte er nun wesentlich schmaler und kahlköpfig. Er schaute recht freundlich in die Kamera. Am 8. Februar 1941 starb Max Rieser schließlich im Alter von 77 Jahren und wurde auf dem jüdischen Friedhof in Laupheim begraben.

 

 

 

 

 

 

 

Quellen-, Literatur- und Bildnachweis:

Archiv Ernst Schäll.

Hüttenmeister, Nathanja: Der Jüdische Friedhof Laupheim. Laupheim 1998. Kreisarchiv Biberach Az 6104/1.

Museum zur Geschichte von Christen und Juden im Schloss Großlaupheim. Stadtarchiv Laupheim F 9811-9899 I a.

Standesamt Laupheim. Familienregister Band V.

 

 

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