voriges Kapitel

zurück zur Gesamtauswahl

nächstes Kapitel

Die jüdische Gemeinde Laupheim und ihre Zerstörung

Gedenkbuch Seiten  224 - 238

GRAB, Arthur,

Schuhgeschäft, Kapellenstraße 40

 

CHRISTOPH SCHMID

Arthur Grab, geb. am 8. 7. 1884 in Wien, deportiert am 10. 7. 1942 von Laupheim nach Auschwitz, OO Luise Grab, geb. Laupheimer, geboren am 17. 3. 1882 in Laupheim, deportiert am 10. 7. 1942 von Laupheim nach Auschwitz.
Elsa Frieda Grab, geboren 16. 3. 1911 in Laupheim, später emigriert in die USA. 

 

Arthur Grab. Luise Grab, geb. Laupheimer.

 

Luise Grab wurde als Louise Laupheimer am 17. 3. 1882 in Laupheim geboren. Sie war die Letzte in einer langen Geschwisterreihe von insgesamt 11 Kindern, von denen allerdings drei bereits in jüngstem Kindesalter verstarben.

Der Vater Michael Laupheimer war jüdischer Metzger einer der vielen innerhalb der Familiengeschichte über fünf Generationen hinweg, die diesen für die Gemeinde aufgrund der besonderen Speisevorschriften wichtigen Beruf ausübten.

Die Vorfahren der Vaterseite reichen zurück bis in die Anfänge der hier ansässigen jüdischen Gemeinde. Wahrscheinlich bewohnten sie auch immer schon das Haus in der heutigen Kapellenstraße 30. Nach früherer Zählweise hatte es die Hausnummer 28.

Haus Kapellenstraße 30 im Jahr 2016. (Foto: M. Schick)

 

Den Angaben von Brigel und Schenzinger zu Folge war im Obergeschoss des Hauses der erste Betsaal der damals neuen jüdischen Gemeinde um 1730 untergebracht, bevor dann später eine Synagoge als eigenständiges jüdisches Gotteshaus ganz in der Nähe errichtet werden konnte.

Luise dürfte wie die älteren Geschwister zuvor in die jüdische Volksschule gegangen sein, obwohl sich von ihr kein Eintrag und kein Bild mehr auffinden lässt. Lediglich ihre ältere Schwester Mina ist auf einem der noch erhaltenen Klassenfotos abgebildet.

Die Kinder der Familie Laupheimer hatten keinen weiten Schulweg. Die Schule in der Radstraße war für sie in wenigen Minuten zu erreichen. Sicherlich konnten sie damals noch ohne Gefahr die Mitte der Fahrbahn benutzen. Allerdings waren Straßen und Wege zu jener Zeit noch ohne festen Belag, bei nasser Witterung musste deshalb mit nicht geringer Verschmutzung der Schuhe gerechnet werden. Von manchen Schulen sind deshalb Vorschriften bekannt, wonach ein Wechseln der Straßenschuhe in mitgebrachte andere erforderlich war. Für die Schulen Laupheims dürfte es in damaliger Zeit kaum anders gewesen sein. Über die weiteren Kindheitsjahre der großen Geschwisterschar ist nichts bekannt, auch von Luise nicht.

Das nächste sichere Datum ihres Lebens ist ihre Vermählung mit Arthur Grab am 7. Juni 1910. Ihr Ehemann war am 8. Juli 1884 in der österreichischen Hauptstadt Wien zur Welt gekommen und entstammte somit der damals noch Österreich-ungarischen Doppelmonarchie, der sogenannten K.u.K.-Monarchie, die bis zum Ende des Ersten Weltkriegs Bestand hatte.

Welche Beweggründe ihn nach Laupheim führten, ist unbekannt. Aber es kommt die Tatsache in Betracht, dass mittlerweile einige äußerst erfolgreiche Firmen in der Stadt, vorrangig jüdischer Herkunft, ein weitläufiges, auch international sich erstreckendes Netz an Handelsbeziehungen und Zweigstellen aufgebaut hatten. Auf einen solchen Zusammenhang deutet auch der Beruf von Arthur Grab. Er hat sich immer als Kaufmann bezeichnet.

Ein Jahr später schon, am 16. März 1911, einen Tag vor ihrem 29. Geburtstag brachte Luise die Tochter Elsa auf die Welt. Es sollte das einzige Kind der beiden Eheleute bleiben. Dennoch lebten dadurch für eine kurze Zeit noch einmal drei Generationen in dem alten Haus zusammen. Mutter und Vater der großen Geschwisterschar starben 1913 bzw. 1921 und sind auf dem nahegelegenen Friedhof begraben.

Elsa Laupheimer ist später einmal erwähnt auf einem Zettel, bei dem es um die Mithilfe an einem Fest in der neugebauten Turnhalle an der Bühler Straße geht. Der Erste Weltkrieg führte Arthur Grab noch einmal nach Österreich zurück. Er trat am 15. Juli 1915 in St. Pölten bei Wien in den Kriegsdienst ein. Dort wurde er dem K.u.K-Telegraphen-Ersatzbataillon zugeordnet. Während des Kriegseinsatzes wurde er mehrfach befördert, zunächst zum Gefreiten, dann zum Korporal und zuletzt noch zum Zugführer. Er nahm teil bei den Schlachten in den Karpaten und bei Montello in Italien. Dafür erhielt er mehrere Auszeichnungen, so die silberne Tapferkeitsmedaille, das Eiserne Verdienstkreuz und das Kaiserliche Truppenkreuz. Im November 1918 wurde Arthur Grab entlassen und kehrte zu seiner Familie in Laupheim zurück.

In der Folgezeit betrieb er nun nachdrücklich die baldige Erlangung der deutschen Staatsbürgerschaft. Im gesellschaftlichen Leben der Stadt war er längst fest verwurzelt, wie aus den Mitgliedschaften in zahlreichen Vereinen hervorgeht. Die Zugehörigkeit zu einem alteingesessenen großen Familienverband dürfte dazu erleichternd beigetragen haben. Die wichtigste seiner vielen Mitgliedschaften und Ämter wird die Aufgabe des Kassiers im Heimatfestkommitee gewesen sein. Dem Ersten Weltkrieg verdankt er seine Zugehörigkeit zum Bund jüdischer Frontkämpfer. Für diesen war er in Laupheim vor allem bei der Ausrichtung der jährlichen Gedenkfeiern gemeinsam mit den Weltkriegsteilnehmern der christlichen Mehrheit aktiv tätig.

 

Arthur Grab beim Heimatfestumzug

1928, 2. v. rechts, mit Blumenstrauß.

 

Die 20er Jahre während der Weimarer Republik scheinen für die Familie noch einmal eine Zeit der Normalität und der weitgehenden Sicherheit gewesen zu sein.

Den Kindheitserinnerungen einer früheren Nachbarin zu Folge versammelten sich jüdische Männer jeweils am Samstagmorgen, dem besonderen jüdischen Tag des Schabbat oder in der Umgangssprache auch Schabbes genannt, vor dem Haus in festlicher Kleidung zum Gespräch und zum Austausch von Neuigkeiten.

Zur Zeit des Pessachfestes im Frühjahr verteilte Luise Grab bereitwillig die auch von nichtjüdischen Kindern sehr begehrten Mazzen, die aus ungesäuertem Teig gebackenen Brotstücke, durch das Fenster ihrer Küche. Die Kinder der Nachbarschaft wussten längst, wie leicht sie an das Küchenfenster über die steile Treppe an der Seite des Hauses gelangen konnten.

Selbst die Zeitungsanzeige im „Laupheimer Verkündiger“ im November 1925, die zum Wiederauffinden des entlaufenen Hündchens Flock mithelfen sollte, kann man getrost in die Kategorie alltägliche Begebenheiten einreihen, gemessen an den Bedrängnissen und Schrecken der späteren Zeit.

Im Untergeschoss des hohen, vierstöckigen Gebäudes war neben der Metzgerei des Bruders Sigmund ein Schuhgeschäft eingerichtet. Den Verkauf betrieb die Ehefrau weitgehend allein, weshalb sie auch nach Auskunft früherer Nachbarn in der Stadt allgemein als „Schuhluise“ bekannt war.

Es wurden im Geschäft vorrangig Schuhe bekannter Marken, wie Wörishofer und vor allem der Qualitätsmarke Salamander geführt, wie zahlreichen Werbeanzeigen jener Zeit – teils auch in gereimter Form – zu entnehmen ist.

Arthur Grab übte eine Buchhaltertätigkeit in der Firma der Gebrüder Obernauer aus. Die Prokura dafür wurde ihm am 9. Mai 1924 erteilt und wenige Tage später im „Laupheimer Verkündiger“ angezeigt. Des Weiteren führte er einen Tuchwarenhandel, für den er wohl den Gewerbeschein beantragen musste, der heute noch erhalten ist.

Das deutet darauf hin, dass die finanzielle Grundlage der Familie nicht sehr groß gewesen sein kann, insbesondere in den schweren Jahren direkt nach dem Ersten Weltkrieg. Sie gehörte wohl eher zu jenen Familien, die keinen so rasanten wirtschaftlichen Aufschwung wie manch andere jüdische Familien in der Stadt erfahren durften.

Mit der Machtübernahme der NSDAP durch Adolf Hitler im Januar 1933 wird diese bescheidene Lebensgrundlage sehr bald unter Druck geraten sein. Bereits am 1. April mussten sie miterleben, dass auch vor ihrem kleinen Geschäft in der Kapellenstraße – so wie vor den anderen jüdischen Läden – im Zuge der reichsweiten Boykottmaßnahmen uniformierte Posten aufzogen, um in drohender Haltung den Kunden das Betreten zu erschweren. Gleichzeitig sollten die Geschäftsinhaber eingeschüchtert werden.

    
Anzeigen des Schuhhauses Laupheimer in den zwanziger Jahren.

 

Kurze Zeit darauf, am 12. Juni 1933, erklärt Arthur Grab in einem Schreiben seinen Austritt aus zwei Vereinen. Der noch erhaltene Brief ist zunächst an einen Freund gerichtet; ausdrücklich betont er, einem erzwungenen Ausschluss zuvor zu kommen. Er schreibt darin:

„Mein lieber Freund Alfons!
Laut beiliegendem Schreiben ersiehst Du, dass ich mein im Kneipp Verein e. V. Laupheim innegehabtes Amt niederlege, und gleichzeitig meinen Austritt erkläre. Die Gründe, die mich dazu bewegen, sind nicht gegen Deine Person gerichtet, sondern sie sind durch die politischen Verhältnisse bedingt.
Bei dieser Gelegenheit bitte ich Dich höfl., mir auch mitteilen zu wollen, wohin ich die Akten und das vorhandene Bargeld des Kinderfest-Komitees zur Ablieferung bringen soll, da auch bei diesem Komitee eine Gleichschaltung vor sich gehen wird, und ich nicht erst aufgefordert, sondern die Angelegenheit erledigt wissen möchte.
Ich hoffe, gelegentlich noch mich mit Dir aussprechen zu können und bleibe nach wie vor Dein aufrichtiger Freund Arthur Grab.“
 

Immerhin erhielt er zu jenem Zeitpunkt noch eine höfliche Antwort, die auch Worte des Dankes und der Anerkennung enthält. Wie tief sie jedoch empfunden sind, lässt sich diesen Worten nicht entnehmen. Das Schreiben wurde mit dem Betreff versehen: Freiwilliges Ausscheiden aus der Leitung des geschäftsführenden Ausschusses des Heimattages“.

Weiter heißt es darin: 

„. . . der Ausschuss hat mit großem Bedauern hiervon Kenntnis genommen und mich beauftragt, Ihnen auch für diese langjährige uneigennützige Tätigkeit im Interesse der Allgemeinheit, insbesondere unserer Jugend, unseren herzl. Dank und besondere Anerkennung zum Ausdruck zu bringen. Mögen Sie sich von Ihrer schweren Krankheit bald wieder erholen . . .Wir werden Ihre so tatkräftige bewährte praktische Mitarbeit immer schwer vermissen."
 

Auffallend an dem Schreiben ist die besondere Betonung eines freiwilligen Ausscheidens sowie die Erwähnung einer schweren Krankheit, von der weiterhin nichts bekannt ist. Solche Formulierungen wurden immer wieder gern herangezogen, die eigentlichen Hintergründe der Ausgrenzung und Diskriminierung zu verdecken.

Für Arthur Grab mussten diese Vorgänge wie ein gewaltsames, schmerzhaftes Herausdrängen und Verstoßen aus Gemeinschaften und Gremien vorgekommen sein, in denen er sich über lange Jahre mit großem Einsatz beteiligt und die aber sicherlich auch Freude bereitet und Zugehörigkeitsgefühl gegeben hatten.

Damit blieben ihm nur noch die Mitgliedschaften in rein jüdischen Organisationen. Diesen blieb er bis in allerschwerste Zeiten hinein treu.

Der Schuhladen im Erdgeschoss wurde als die wohl wichtigste, vielleicht sogar einzige Lebensgrundlage weiterhin betrieben, obwohl die Bedrohung ständig anwuchs. Vor allem sonntags mussten sie bald miterleben, wie ausgewiesene Nationalsozialisten der sogenannten „Österreichischen Legion“, die in einem ehemaligen Fabrikgelände im benachbarten Dorf Burgrieden untergebracht waren, lärmend und randalierend durch die vorwiegend jüdisch besiedelte Kapellenstraße marschierten. Fensterscheiben gingen zu Bruch, es gab Schmierereien mit unverhohlen einschüchterndem Inhalt vor den Häusern auch derjenigen christlichen Familien, die sich weiterhin bereit zeigten, mit ihren andersgläubigen Nachbarn gut zusammen zu leben.

Am 6. August 1935 heiratete die Tochter Elsa den Kaufmann Philipp Block aus Göppingen. Da sie in den Einwohnerverzeichnissen der folgenden Jahre in Laupheim nicht mehr aufgeführt wird, ist anzunehmen, dass sie mit ihrem Ehemann in Göppingen ansässig wurde. Mit ihm ist sie dann bald nach Amerika emigriert und konnte so der Verfolgung und Ermordung durch das nationalsozialistische Regime entkommen. Von dort aus beteiligte sie sich auch nach dem Krieg an den Wiedergutmachungsverhandlungen um die Vermögenswerte der Angehörigen. Es scheint Versuche gegeben zu haben, die Eltern nachzuholen, die allerdings vergeblich blieben.

Im Mai 1937 versuchte Arthur Grab in seine Heimat Wien zu reisen, um seiner Schwester in einer familiären Notlage beizustehen. Doch seine flehentlichen mündlichen wie schriftlichen Bitten wurden von seiten des Oberamtes zunächst ignoriert und dann ohne Begründung abgewiesen, obgleich er betont hatte, dass er sich nie politisch betätigt habe und darauf hinwies, als Frontkämpfer sich bewusst zu sein, was er dem Vaterland schulde.

Gleichzeitig wurde der Druck zur Übergabe des Geschäftes an einen nichtjüdischen Eigentümer immer stärker. Dennoch scheinen Arthur und Luise Grab ihm noch eine Weile Stand gehalten zu haben.

Aber mit der Zunahme der offenen Gewalt mit dem vorläufigen Höhepunkt der Synagogenzerstörung während der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, ganz in der Nähe des Hauses, wird auch ihr Widerstand schwächer. Luise musste erfahren, dass der zur sogenannten Schutzhaft nach Dachau verschleppte Bruder Sigmund Laupheimer im dortigen Konzentrationslager erschlagen wird.

Im Dezember erhalten sie einen Brief des nationalsozialistischen Bürgermeisters Marxer, den sie nicht anders als eine direkte Drohung verstehen müssen.

Die Begründung zur Aufforderung, das Geschäft zu schließen, ist entlarvend. Zum Schutz vor den Zerstörungsabsichten des Absenders bzw. seiner Parteigänger hat es zu geschehen.


 Brief von Arthur Grab an das Oberamt Laupheim vom 28. Mai 1937.

 

Brief von Bürgermeister Marxer an Arthur Grab vom 16. Dezember 1938.

 

Damit ist die Aufgabe des Geschäftes besiegelt. Wenige Tage später kommt schon die Anordnung, den Warenverkehr zwangsweise einzustellen.

Aus Erzählungen früherer Nachbarn geht hervor, dass Luise Grab mehreren, ihr vertrauten Menschen auch nichtjüdischer Herkunft Schuhe zum Geschenk antrug, um sie nicht denen in die Hände fallen zu lassen, die den Laden ungerechterweise übernehmen konnten.

Zum Jahrestag der Synagogenzerstörung am 9. November 1939 wurde Arthur Grab mit 12 anderen jüdischen Männern von der Laupheimer Polizei in sogenannte Schutzhaft abgeführt. Zwar durften sie bis zum 25. des Monats wieder zurückkehren, doch wird bei der besorgten Ehefrau die Erinnerung an das grausame Schicksal des Bruders ein Jahr zuvor wieder gegenwärtig gewesen sein.

In der schweren Zeit der Verfolgung wächst Arthur Grab mehr und mehr in die Rolle des Sprechers und Vorstehers der inzwischen kleinen, aber stark bedrängten jüdischen Gemeinde hinein. Den nationalsozialistischen Behörden galt er als deren Vertrauensmann, wobei der Begriff Vertrauen ihrerseits keineswegs ange- bracht war. Ihnen ging es nie um vertrauensvolle Zusammenarbeit, sondern nur um die leichtere Umsetzung der Willkürmaßnahmen durch eine Kontaktperson.

Ein Foto aus dieser Zeit zeigt ihn vor dem ehemaligen Rabbinatsgebäude stehend. Wie die Perspektive und die am Straßenrand abgelegten Hölzer und Balken aufzeigen, ist es nach der Zerstörung der Synagoge aufgenommen, die direkt gegenüber gelegen hatte. Auffallend ist auch, dass im Erdgeschoss des Gebäudes die Fensterläden schon zur Tageszeit, vermutlich sogar beständig geschlossen sind. Der Grund dafür dürfte die wachsende Bedrohung gewesen sein.

 

Anordnung des Landrates von Biberach vom 22. Dezermer 1938.

Arthur Grab vor dem ehemaligen Rabbinatsgebäude.

Ein besonderes Bild (rechts) zeigt ihn im Inneren des Hauses, in dem seit geraumer Zeit schon ein Gebetsraum eingerichtet war. Nach der Zerstörungsnacht vom 9. November 1938 diente er endgültig als Ersatz für das vernichtete Gotteshaus.

Es zeigt ihn wie er mit umgelegtem Gebetsschal und Kopfbedeckung Worte aus einem aufgeschlagenen Buch liest oder vorträgt. Damit ist es wahrscheinlich das einzige Foto aus der langen Geschichte der jüdischen Gemeinde Laupheims, auf dem jemand im Gebet oder während einer gottesdienstlichen Handlung festgehalten ist. Dass es in der Zeit höchster Bedrängnis und Verfolgung ent- stand, macht es um so bedeutsamer. Da Arthur Grab als letzter Vorstand des Hauses angesehen werden kann, in dem ganz zu Beginn der Gemeinde um 1730 der erste Gebetsraum eingerichtet war, nimmt es vom Ende her nochmals Verbindung zum ersten Anfang jüdischen Lebens in Laupheim auf. So wird man diesem Bild eine hohe, symbolträchtige Bedeutung zusprechen dürfen.

Im Oktober 1941 mussten Arthur und Luise Grab, nachdem sie wie alle jüdischen Männer und Frauen zwangsweise die zusätzlichen Vornamen Israel, bzw. Sara anzunehmen und an der Kleidung außen sichtbar den gelben Stern zu tragen hatten, das Haus in der Kapellenstraße verlassen.

Ihnen wurde eine der hölzernen Hüttenbauten im Barackenlager der Wendelinsgrube am Stadtrand zugewiesen. Vor Jahren waren sie erstellt worden um bedürftigen Familien unentgeltlich Wohnraum zu ermöglichen.

Kurz zuvor noch dürfte es gewesen sein, dass Luise Grab an der Mauer des jüdischen Friedhofs entlang ging, um vielleicht doch noch einen Blick über die hohe Einfassung zu erlangen. Der Zutritt ins Innere war von den nationalsozialistischen Behörden schon seit längerem verwehrt. Die Mauer war für sie jedoch zu hoch. Aber mit Hilfe eines mitfühlenden nichtjüdischen Nachbarn, der – nach der Auskunft der Tochter – aus seinem nahegelegenen Garten große Bausteine für sie herantrug, damit sie sich auf diese stellen konnte, wurde ihr wenigstens ein letzter Abschiedsblick auf die beiden Elterngräber ermöglicht.

Draußen vor der Stadt, auf halbem Weg zum Westbahnhof, der zur allerletzten Station der Heimat werden sollte, mussten sie die Baracke mit der Nummer 10 beziehen.

Als sogenannter Vertrauensmann der jüdischen Kultusgemeinde richtete Arthur Grab eine dringende Bitte an die Stadtverantwortlichen, vor Eintritt des Winters die Errichtung von Wasser- und Stromanschluss zu ermöglichen. Die Bitte wurde abschlägig beschieden, dabei werden die meisten der betreffen- den Amtspersonen Arthur Grab von seinen früheren Tätigkeiten in der Stadt gut bekannt gewesen sein.

Ende November fällt ihm die tragische Pflicht zu, bei der ersten Deportation, die noch als Umsiedlungsmaßnahme durch das Mitführen von Hausratsgegenständen in einem eigenen Eisenbahnwaggon getarnt ist, behilflich zu sein.

Mitten im Winter 1941/1942 werden von den letzten jüdischen Menschen in Laupheim, die entweder in der notdürftig ausgestatteten Hütten der Barackensiedlung in der Wendelinsgrube oder im zwangsweise eingerichteten Altersheim im früheren Rabbinatsgebäude leben, sämtliche Woll- und Pelzbekleidung eingefordert. Die Liste mit den abgelieferten Sachen vom 16. Januar 1942 trägt seine Unterschrift. Es ist das letzte, erhaltene Schriftstück, bei dem er als sogenannter Vertrauensmann tätig sein musste.


Protokoll der Beratung vom 17. Oktober 1941.

 

Eine ehemalige Kundin des Schuhhauses weiß noch von einem Brief von Luise Grab aus der Wendelinsgrube zu berichten. Darin habe sie von den unmenschlichen Zuständen in dem Lager gesprochen, von großem Hunger und Verzweiflung. Sie bittet um Nahrungsmittel, die dann auch von einigen befreundeten Menschen hinausgebracht worden seien. Außerdem drückte Luise Grab darin die Vermutung aus, dass nach ihnen, bald andere, den Nationalsozialisten unliebsame Personenkreise in die Verfolgungsmaßnahmen einbezogen würden. Über sich selbst und die Menschen im Lager sagte sie. Wir kommen fort und wissen nicht wohin.“

Bei der übernächsten und vorletzten Deportation stehen auch Arthur und Luise Grab auf der Liste. Sie ist zunächst für den Juni 1942 vorgesehen, verzögert sich jedoch aus unbekannten Gründen. Die wenigen Zeilen der Geheimen Staatspolizei Stuttgart an den Biberacher Landrat entscheiden über Leben und Tod.

Am 10. Juli zwei Tage nach Arthur Grabs 58. Geburtstag müssen beide mit ihren Bekannten Kalman Wallach und 10 weiteren, zumeist sehr alten Menschen, die in der nahegelegenen Pflegeanstalt Heggbach untergebracht waren, den Zug am Laupheimer Westbahnhof besteigen.

Er bringt sie zunächst zum Sammellager nach Stuttgart. Drei Tage später führt sie dieser Menschentransport mit anderen aus Württemberg hinzugekommenen jüdischen Menschen weiter nach Auschwitz.

Es gibt eine Notiz, nach der Arthur und Luise Grab schon auf dem Weg in das große Konzentrations- und Vernichtungslager verstorben sind.

Diese Angabe ist zwar unsicher, denn niemand wird sie in jener Zeit genauer überprüft haben. Dennoch könnte sie auch zutreffen, waren doch beide schon geschwächt und gebrochen von der vorausgehenden langen Leidenszeit im Barackenlager in der Wendelinsgrube, vor allem im Winter, und den zusätzlichen unmenschlichen Bedingungen in den Sammellagern und den Transporten.

So sind die Namen von Arthur und Luise Grab, geb. Laupheimer, mit allen anderen jüdischen Opfern der nationalsozialistischen Verfolgung und Ermordung aus Laupheim auf der großen Gedenktafel am Eingang des Jüdischen Friedhofs verzeichnet, nur wenige Schritte vom Haus entfernt, in dem sie zuvor gewohnt hatten.

 

 

 

voriges Kapitel

zurück zur Gesamtauswahl

nächstes Kapitel