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Die jüdische Gemeinde Laupheim und ihre Zerstörung

Gedenkbuch Seiten 39 - 41

ADLER, Julius,

Viehhandel, Synagogenweg 4

KARL NEIDLINGER   DR. UDO BAYER

Julius Adler, geb. am 17. 10. 1882 in Laupheim, Landwirt und Viehhändler, gest. 1958 in den USA, OO Paula, geb. Obernauer, geb. am 8. 2. 1890 in Laupheim, gest. 1987 in Louisville/USA. Emigration der Eltern in die USA im August 1938.
 Erich, geb. am 24. 2. 1913 in Laupheim, am 25.1. 1937 in die USA emigriert, gest. 1982,
 Lore, geb. am 15. 6. 1920 in Laupheim, am 18. 10. 1937 in die USA emigriert, 1948 Heirat mit Jack Silverman. 

Von den Judenberg-Adlers“,  einer ebenfalls weit verzweigten, seit Mitte des 18. Jahrhunderts in Laupheim ansässigen Familie, wohnte 1933 nur noch diese Familie in der Stadt.

 

Die Familie Julius Adler im Jahr 1936, kurz bevor ihre Wege sich trennten und Sohn

Erich als erster emigrierte.  (Foto: Lore Silverman, Louisville, USA)

   

Julius Adler hatte 16 Geschwister, die zwischen 1873 und 1894 geboren wurden. Nur sieben Kinder der Familie erreichten das Erwachsenenalter. Die meisten davon verheirateten sich später nach auswärts, so wie auch seine Nichte Erna: Sie wurde die Frau des bekannten Ulmers Alfred Friedl“ Moos, der nach dem Krieg als einer der wenigen Juden wieder nach Ulm zurückkehrte. Paula Obernauer ebenfalls aus einem alten Laupheimer Geschlecht und Julius Adler heirateten 1912. Von 1916 bis 1918 diente er im Ersten Weltkrieg als Kanonier und Fahrer in einem Artillerieregiment. Als er 1916 eingezogen wurde, war er bereits 34 Jahre alt, seinen Zivilberuf gab er selbst mit Landwirt und Handelsmann an. Er hatte einen Vieh-, Pferde- und Fleischhandel und betrieb eine kleine Landwirtschaft direkt neben der Synagoge. Damit war er kein Einzelfall: Eine ganze Reihe der alteingesessenen jüdischen Geschlechter hatte im  Lauf des 19. Jahrhunderts die nach der Gleichberechtigung gebotene Chance wahrgenommen und Grundstücke zur landwirtschaftlichen Nutzung erworben, was den traditionellen Viehhandel natürlich ideal ergänzte und erleichterte.

Die 1928 im Laupheimer Verkündiger“ aufgegebene Annonce ist eines der wenigen schriftlichen Zeugnisse, die zu der Familie gefunden werden konnten. Der Text klingt für heutige Leser etwas unfreiwillig ironisch, er will sicher nicht sagen, dass die Familie Adler zu den weniger gut gestellten Familien gehörte. Das hätte nicht gestimmt: Tochter Lore besuchte ab 1931 die Laupheimer Realschule, was sich ärmere Familien damals nicht leisten konnten.



Lore Silverman, geborene Adler, war bei den Laupheimern dabei, die 1988 bei der ersten Einladung der Stadt an ihre ehemaligen jüdischen Mitbürger an ihren Geburtsort zu Besuch zurückkehrten. Später gab sie ihre Erinnerungen dem Museum zur Geschichte von Christen und Juden zu Protokoll. Darin berichtet sie über ihre Familie und ihr eigenes Schicksal folgendes:

Ich besuchte fünf Jahre die jüdische Volksschule in Laupheim, dann ging ich für drei Jahre auf die Realschule. Im letzten Jahr wurden alle jüdischen Schüler ausgeschlossen. Ich musste die Schule in Herrlingen bei Ulm besuchen. Es gab keinen mehr, der mit einem sprach. Jeder wandte sich von uns ab. Die Situation wurde immer schlechter und so beschloss ich, Deutschland zu verlassen.

Während ich auf mein Visum wartete, besuchte ich einen Friseur- und Kosmetikkurs in Berlin. Im Oktober 1937 verließ ich Deutschland  Richtung USA. Mein Bruder Erich war bereits im Januar dorthin gegangen. Carl Laemmle, entfernt mit meiner Mutter verwandt, stattete uns alle mit Affidavits aus, um in die USA zu kommen. Meine Eltern verließen Deutschland im August 1938.

Zum letzten Mal sah ich Laemmle in New York, kurz vor seinem Tod. Natürlich haben wir alle eine tief empfundene Erinnerung an ihn. Er war ein „Kreuzritter“ aller Laupheimer. Ich ließ mich in New York nieder und nahm Kurse an einer Kosmetikschule. Nach dem Abschluss arbeitete ich in einem Salon. Ich traf meinen künftigen Mann 1947, wir heirateten 1948. Mein Bruder Erich arbeitete in einer Alteisenfirma, allmählich machte er sich selbstständig. Er wurde zur Army eingezogen, wo er bis 1946 diente. Nach seiner Rückkehr ins Zivilleben setzte er sein Geschäft fort, er heiratete und hatte zwei Kinder. 1982 ist er gestorben. Mein Vater erkrankte 1941 und starb 1958. Ich zog mit meinem Mann 1951 nach Louisville/Kentucky, nach dem Tod meines Vaters zog meine Mutter zu uns. Sie starb im Alter von 97 Jahren
Ich hatte 1988, als ich von der Stadt Laupheim eingeladen war, die Stadt und ihre Bürger wiederzusehen, sehr gemischte Gefühle. Das Leid, das uns zugefügt worden war, die Entwurzelung von unserem Geburtsort war sehr schwer zu verwinden. Ich war eine der vom Glück Begünstigten, für die das Leben in den USA sehr angenehm war. Wir haben zwei prächtige Söhne, die beide sehr an uns hängen; sie sind verheiratet, einer hat Zwillinge.“



Lore und Jack Silverman im Jahr 1989 bei einem Treffen mit der Familie Bayer in Chicago. Der im Jahr 2002 verstorbene Jack Silverman stammte aus Tarnopol in Galizien und war in den USA in der Möbelbranche tätig, wo er es zu Wohlstand brachte. Lore, geborene Adler, lebt heute hochbetagt in Cleveland/Ohio.
(Foto: Archiv Dr. Bayer)



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